Blog #3 Working out loud – oder auch die Kunst des Brückenbauens.

Wahnsinn, wie schon wieder die Zeit vergeht! Gestern war doch noch Weihnachten und schwupps, nun ist die Hälfte des Jahres schon wieder fast vorbei. Meine WOL Circle-Kolleginnen und ich befinden uns auch schon in Woche 6 der WOL Experience und können es kaum glauben, dass bereits über ein Drittel vorbei ist. Das spannende an dieser Erfahrung ist, dass sich fünf Menschen, die sich zu Beginn total fremd waren, sich mit nur einer Stunde Meeting die Woche sehr intensiv kennenlernen. Intimität ist gar kein Ausdruck und nach jedem Videocall fühle ich mich aufgeladen und energetisiert, auch wenn ich vorher abgeschlagen war und mir eigentlich nur meinen Feierabend herbeigesehnt habe. Diese Woche frage ich mich, warum wir uns eigentlich schon so verbunden fühlen.


Was Beziehungen ausmacht. Wir kennen das alle – man ist auf einer Party, einem Geschäftsessen, einer Firmenfeier oder hat sich zu einem Networking Event angemeldet. Der Kollege oder die beste Freundin hat kurzfristig abgesagt und nun heißt es - allein dort aufkreuzen. Mir hat der Gedanke daran, allein zu einem Event zu gehen, vor einigen Jahren einen kalten Schauer über den Rücken gejagt; meine Hände wurden ganz klamm und schwitzig und mein Magen rumorte. In meinem Kopf nur ein Gedanke: „Ich will da nicht hin“. Aber warum eigentlich nicht? Ganz einfach - da müsste ich mit fremden Menschen ins Gespräch kommen und ich verabscheute Smalltalk einfach. Diese Oberflächlichkeiten, bei denen man sich nach dem Wetter, der Herkunft oder dem Beruf erkundigt und doch eigentlich weiß, dass sich die andere Person nicht dafür interessiert und man selbst ja irgendwie auch nicht … oder?


Was ist eigentlich Smalltalk? Im Duden findet man Synonyme wie Geplauder, Plauderei, Plauderstündchen, Unterhaltung, Konversation, Klatsch, Klönschnack oder Plausch. Betrachtet man sich einmal die 1:1 Übersetzung aus dem Englischen, könnte man auch auf eine Bedeutung kommen wie zum Beispiel ‚klein reden‘, ‚etwas kleinreden‘ oder ‚sich kleinreden‘. Aber ist das wirklich so? Bedeutet Smalltalk, dass man sich oder den Gesprächspartner dabei in einem Gespräch kleiner macht, als man ist?


Zwischenmenschliche Beziehungen werden geprägt und sind umso intensiver, je besser man sich kennt, versteht, akzeptiert und gegenseitig wertschätzt. Wie entstehen diese tiefen Beziehungen? Genau, durch’s miteinander Reden. Und vor allem durch’s Zuhören. Denn erst, wenn ich jemandem wirklich zuhöre und versuche, seine Sicht der Dinge, sein „Bild von Welt“, zu verstehen, können Brücken zwischen diesen beiden Welten entstehen. Diese Brücken werden gebaut durch Kommunikation, dessen Stabilität bestimmt wird durch den Grad der Offenheit der beiden Brückenbauer. Und wie beginnen solche Beziehungen meistens? Genau, mit einem schnöden „Hallo.“ oder einem „Na und was machst Du hier?“.

Aus einem unerfindlichen Grund finden wir genau eine solche Aussage oder Frage total merkwürdig, weil sie eben nicht „merk würdig“ ist. Wir vergessen sie sofort wieder. Aber sie ist genau der erste Fuß in der Tür, der den Grundstein der Beziehungsbrücke legt. Würden wir nie so eine augenscheinlich belanglose Bemerkung machen, würden wohl deutlich weniger Bekanntschaften, Freundschaften, Beziehungen und Geschäfte entstehen. Denken wir einmal an die erste Begegnung mit einer uns heute sehr vertrauten Person. Wie war das damals? Meistens wird es so oder so ähnlich abgelaufen sein.


Interessanterweise hat man vorher vielleicht nicht unbedingt gedacht, dass man mit dieser Person noch viele Jahre danach befreundet sein, diese Person heiraten oder mir ihr eine Firma hochziehen würde. Aber irgendwas hat einfach gepasst und man hat sich auf Anhieb gut verstanden. Es waren gleich Gesprächsthemen da und sehr schnell hat man mehr und mehr von sich Preis gegeben. Besonders Gemeinsamkeiten und sich überschneidende Interessen geben Anlass, diese Person im Gedächtnis zu behalten und näher kennenlernen zu wollen.


Warum ist Smalltalk jetzt wichtig? Nicht nur Freundschaften sind geprägt durch Gemeinsamkeiten, auch das Berufsleben. Wir alle wissen, dass uns das Berufsleben und der nächste Karriereschritt leichter fallen, wenn wir viele Menschen kennen. Und diese uns auch. Das altbekannte „Vitamin B“ eben. Wenn dann mal eine Opportunität in Form einer attraktiven Stelle oder eines interessanten Kontakts daherkommt, kann diese Person an uns denken und die erste Hürde der Anonymität ist schon einmal genommen. Eine Statistik der Bundesagentur für Arbeit aus dem Jahre 2016* zeigt, dass 32% aller Stellen in kleinen Betrieben über persönliche Kontakte oder intern besetzt werden. In großen Betrieben sind es immerhin noch 16%. Internet-Jobbörsen liegen da mit 14% in Großbetrieben und 10% in Kleinbetrieben schon deutlich dahinter. Kontakte lohnen sich also allemal.


Aber wie hinterlassen wir bei jemandem Eindruck, mit der wir nicht zwangsläufig eine private Beziehung pflegen wollen, aber als sodass Kontakt mal an uns denken könnte? Überlegen wir doch einmal, wie eine Person bei uns Eindruck hinterlässt. Das passiert meistens durch die eingangs erwähnten Gemeinsamkeiten. Je mehr wir über eine Person wissen – und das möglichst persönlich – desto verbundener fühlen wir uns mit dieser Person. Auch, wenn wir objektiv betrachtet grundlegend verschiedene Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Interessen sind. Es gibt so oft genau diese eine Schnittmenge, die uns veranlasst, trotz der Differenzen eine Person als sympathisch und somit als „uns ähnlich“ zu empfinden. Zum Beispiel haben wir in unserem WOL-Zirkel letzte Woche 50 Fakten über uns notieren müssen und haben diese anschließend miteinander geteilt. Es ist unfassbar, wie viele Aspekte man zu seiner eigenen Liste hinzufügen kann, die andere von sich mitteilen, an die man selbst so nicht gedacht hat. Wir haben so viel mehr gemein, als wir je gedacht hätten. Die dadurch entstandene Nähe ist unbeschreiblich und prägt unsere weitere Kommunikation - da bin ich mir sicher. Und der einzige Weg, wie man zu dieser Erkenntnis über Gemeinsamkeiten kommt, wenn man eine Person gerade erst kennenlernt, ist über Smalltalk. Und wie man daran anknüpft, um möglichst schnell möglichst tief zu kommen. Wer nicht smalltalked, wirkt schnell unnahbar und kühl.


Das mache ich jetzt anders. Fynn Kliemann singt so schön: „Ich tausch' 'n bisschen Mut gegen tolle Absicht. Und wie das geht? Digga, weiß ich auch nicht. Wer's nicht versucht, ist irgendwann ganz traurig“. So ist das auch beim Smalltalk. Wer sich nicht traut, etwas von sich preis zu geben, wird es auch schwer haben, eine Verbindung zu einer Person herzustellen, die nicht im Freundeskreis ist und die man im Zweifel danach vielleicht auch nie wiedersehen würde. Die größte Hürde dabei ist, diesen einen ersten Schritt zu gehen. Und zwar mit Mut und guter Absicht. Aber wie kommt man über die Hürde der ersten peinlichen Sekunden und der Gefahr, vom anderen verstoßen zu werden? Es ist so banal und doch so simpel - indem man es einfach tut. Genau wie Fynn Kliemann. Und dabei aufrichtig lächelt und der Person in die Augen schaut.


Hab dabei keine Angst vor einer irritierten Reaktion oder einer Stille. Überlege dir, was als allerschlimmstes passieren könnte und egal, was passiert, die Situation kann dich nicht mehr schocken. Und denke daran – dass Du den Impuls verspürst, genau diese Person anzusprechen, hat einen Grund. Dinge (bzw. Menschen) ziehen sich gegenseitig an, ohne dass wir den Sinn dahinter verstehen. Oft verpassen wir leider die Gelegenheit, herauszufinden, was das eigentlich ist, weil wir uns nicht trauen. Wenn Du nicht versuchst, es rauszufinden, bist du vielleicht irgendwann ganz traurig.


Nimm dir einmal ein paar Minuten Zeit und schreibe 50 Fakten über dich auf. Du wirst überrascht sein, wie vielfältig Du bist. Und dabei kannst Du alles aufzählen, was dir einfällt; von der Haarfarbe über dein Ausbildungs- oder Studienort bis hin zu interessanten Reisezielen und Hobbies. Werde dir über dich bewusst und du wirst nie wieder ein Problem haben, ein Thema für Smalltalk zu finden. Wenn Du dich schwer damit tust, von dir aus etwas zu erzählen, frage bei den Anderen nach. Welches Thema beschäftigt dich gerade oder worüber würdest Du gerne mehr erfahren? Wenn Du in einer Gruppe überwiegend fremder Menschen stehst, frage, ob sich jemand mit dem Thema auskennt. Es gibt ganz sicher jemanden, der dir etwas darüber erzählen kann. Frage die Person aus und interessiere dich dafür - die Person wird dir bereitwillig all deine Fragen beantworten und sich über dein Interesse freuen - der Grundstein eurer Brücke ist gelegt.

* https://de.statista.com/infografik/10793/mit-vitamin-b-zum-neuen-job/

4 Ansichten

Merle Richelsen

mail@mavency.de

+49 162 600 1990

©2020 Mavency.

  • Facebook - Weiß, Kreis,
  • Instagram - Weiß Kreis
  • LinkedIn - Weiß, Kreis,
Mavency Coaching München Logo.png