Blog #4 Working out loud – oder auch die Waffe gegen Enttäuschung.

Aktualisiert: Sept 2

Seit nun mehr acht Wochen treffe ich mich regelmäßig mit meinen Circle-Kolleginnen im virtuellen Raum. Mittlerweile haben wir uns in den unterschiedlichsten mentalen, physischen und räumlichen Zuständen kennengelernt. Wir haben uns weder von Skeletten, Hello Kitty Shirts oder nassen Haaren, noch durch die diversen technischen Probleme mit verzerrten Standbildern und Luke Skywalker-Stimmen aus der Ruhe bringen lassen. Nach wie vor stehen teilen, unterstützen und sich gegenseitig pushen im Vordergrund. Wir lassen uns von nichts abbringen und haben beschlossen – wir führen den Circle weiter, auch wenn unsere offizielle Zeit vorbei ist. Unsere Treffen sind zu einer Gewohnheit geworden und sind aus unseren Alltagen nicht mehr wegzudenken. Die Treffen helfen ungemein dabei, das Ziel im Auge zu behalten und einen Schritt nach dem nächsten zu gehen.


Der innere Dialog gegen die Zielerreichung. Beim WOL geht es ja genau darum - lernen, sich Ziele zu setzen und diese auch umzusetzen. Zu Beginn dachte ich, dass das Setzen von realistischen Zielen die größte Herausforderung sein würde. Weit gefehlt. Was ich in den letzten Wochen lernen durfte, ist, dass vor allem das Durchhalten die Challenge ist. Sich immer wieder das Ziel vor Augen zu führen, täglich neue Motivation sammeln und beständig dranzubleiben. Ständig funken da nämlich immer wieder so nervige Stimmen dazwischen, die einen davon überzeugen wollen, dass die eigenen Vorhaben ziemlich blöd sind. Und somit fällt es mir nach wie vor manchmal schwer, durchzuhalten.


Dabei ist das nicht darauf zurückzuführen, dass ich faul bin. Ganz im Gegenteil. Ich bin sehr beschäftigt, jongliere viele Dinge gleichzeitig und schaffe viele Dinge. Der Nachteil - dabei verliere ich manchmal den Überblick und somit das Ziel aus dem Auge. Dann fange ich an, mich zu verzetteln und stelle möglichst große Effizienz bei der Abarbeitung der Aufgaben über die eigentliche Effektivität. Dabei würde mir eine klarere Definition dessen wohl manchmal guttun. Denn wie sagte Kurt Tucholsky schon: „Ein voller Terminkalender ist noch lange kein erfülltes Leben.“


Mein Leben lang begleitet mich schon ein gewisses Pflichtgefühl, dass mich veranlasst, mich eher den ernsthaften Dingen zu widmen; Arbeiten statt Reisen, das unliebsame Studium durchziehen statt Hinschmeißen, die eine Sache noch schnell erledigen, anstatt einfach nur in die Luft zu gucken und ein paar freie Minuten zu genießen. Ganz nach dem Motto: „Erst die Arbeit, dann Das Vergnügen“. Das Wirrwarr aus Stimmen in meinem Kopf hat mich oft stark beeinflusst und zu immer mehr „Schaffen“ angetrieben. Am Ende des Tages war ich häufig ausgelaugt, für Vergnügen hatte ich keine Energie mehr. Bis vor einigen Jahren habe ich mir selten erlaubt, Spaß zu haben.


Irgendwann durfte ich erkennen, dass arbeiten, dabei etwas (Er-)Schaffen und auch noch Spaß haben, sich nicht ausschließen. Man muss nur herausfinden, was einem Spaß macht und dies mit der Arbeit verbinden. Für mich lassen sich die beiden Dinge nämlich nicht trennen und wenn einem die Arbeit Spaß macht, ist es ja auch keine Arbeit mehr – oder? Jetzt aber zu der schwierigeren Frage; gibt es wirklich diese eine Sache, die einem Spaß macht oder könnte man sich nicht auch für vieles begeistern? Scheitert es nicht im Grunde daran, dass man nicht einfach dranbleibt und sich dafür entscheidet, dass es einem Spaß macht?


Lange Zeit habe ich mich nicht entscheiden können, was mir wirklich Spaß macht und am Herzen liegt. Und auch wenn ich das mittlerweile für mich entdeckt habe, mache ich dennoch viele Dinge gleichzeitig. Ist es aus Angst, mich nicht festlegen zu wollen und vielleicht was zu verpassen? Oder weil ich denke, ich muss das tun? Oder weil ich mich frage, ob das, was ich gerade tue oder vorhabe, wirklich DAS eine ist? Oder einfach, weil mich so viele Dinge interessieren? Stellt man sich all diese Frage, findet man schnell Argumente im inneren Dialog, die einen davon überzeugen, dass es da draußen sicher noch besseres gibt. Das Ping-Pong aus Meinungen und Dialogfetzen machen einen ganz schwindelig. Das Resultat ist oft, dass man subjektiv betrachtet nicht wirklich vorankommt, seine Ziele nicht erreicht und Träume schon gar nicht verwirklicht. Man ist enttäuscht vom Leben und sich selbst. Hauptsächlich eigentlich von sich selbst, denn enttäuschen kommt von „sich täuschen“. Tritt die Realität nicht so ein wie ausgemalt, „ent-täuscht“ man sich selbst. Es ist niemals ein Akt eines Anderen, sondern immer nur das Produkt unseres eigenen Schaffens.


Ich habe für mich erkannt, dass es nicht die Frage ist, ob mir etwas Spaß macht oder nicht. Denn die meisten Dinge machen mir gleich zu Beginn Spaß. Die Frage ist eher, ob mir etwas auf Dauer Spaß machen wird. Und da habe ich einen ziemlich großen Einfluss drauf. Mittlerweile bin ich die meiste Zeit ziemlich glücklich damit, was in meinem Kopf so vor sich geht. Ich lausche meinem inneren Dialog, übernehme aber immer öfter die Kontrolle über meine Gedanken. Denn ich bin nicht meine Gedanken und kann darüber bestimmen, welchen Gedanken ich mehr Gewicht gebe und welche ich leiser werden lasse.


Die Macht der Gewohnheit. Es dauert schätzungsweise um die 10 Wochen, bis sich neue Gewohnheiten etablieren und sich als ein neues Verhalten verankert haben. Wenn wir das erfolgreich geschafft haben, fehlt uns interessanterweise etwas, wenn wir die Gewohnheit einmal nicht einhalten. Meist stehen unseren positiven Gewohnheiten schlechte Gewohnheiten gegenüber, die wir uns im Laufe der Zeit angeeignet haben. Dabei empfiehlt es sich, diese gegeneinander auszutauschen. Denn wir alle haben schon heute mindestens 100% unserer Zeit verplant. Will ich dann noch etwas Neues dazunehmen, geht allein die mathematische Formel nicht auf und das Vorhaben scheint schon von vornherein zum Scheitern verurteilt. Die schlechten Gewohnheiten umzuwandeln, bedarf allerdings einer besonderen Portion Motivation. Und als Schlüssel zum Erfolg das Durchhaltevermögen, das zwangsläufig an Selbstregulation gekoppelt ist und uns ermöglicht, das Ziel zu erreichen.


Das mache ich jetzt anders. Über das Setzen von Zielen habe ich ja schon geschrieben. Ohne die geht es nicht. Aber was ich nun tue, ist, meinen Fortschritt zu messen. Der WOL Circle hilft enorm, denn durch den festen Termin im Kalender und das Teilen des eigenen Vorhabens entsteht ein Commitment der Gruppe gegenüber. Kann man mehrere Treffen in Folge keinen Fortschritt mitteilen, entsteht eine kognitive Dissonanz. Diese bringt die Diskrepanz zwischen den eigenen Werten und Einstellungen gegenüber dem tatsächlich gezeigten Verhalten zum Ausdruck; sprich, dass man obwohl man sich fest vorgenommen hat, an seinem Ziel zu arbeiten, viele andere Dinge wohl wichtiger waren. Dieser aversive Zustand veranlasst Menschen dazu, den Zustand innerer Spannungen auflösen zu wollen. Dies geschieht entweder durch Ausreden, Einstellungsänderung oder Verhaltensanpas-sungen. Das Ziel sind die letzteren beiden.


Zudem hole ich mir seit einiger Zeit die Zukunft in die Gegenwart. Anstatt darauf zu hoffen, dass meine Zukunft schöner, aufregender und spannender als meine Gegenwart wird, mache ich mir diese nun zum Vergnügen. Fragt man Menschen, die auf dem Sterbebett liegen, was sie am meisten bereuen, sind es die Dinge, die sie nie getan haben. Ich habe aufgehört, unangenehme Dinge aufzuschieben und darauf zu hoffen, dass sie sich von selbst lösen. Jetzt nehme ich das Steuer in die Hand und gehe von einer reaktiven in eine proaktive Haltung über. Dadurch gestalte ICH mein Leben und sonst niemand.


Das heißt nicht, dass alles schön wird, sondern dass ich akzeptiere, auch Rückschläge hinzunehmen, wenn sie kommen. Um daraus zu lernen, auch wenn ich weiß, dass es an bestimmten Stellen unangenehm werden kann. Oder ich einfach nicht erfolgreich sein könnte mit meinen Vorhaben. Aber wenn ich es nicht versuche, werde ich es nie wissen. Und dann auf meinem Sterbebett irgendwann sagen: „ach, hätte ich das damals doch ausprobiert und mich durchgebissen“. Und ganz ehrlich, was bedeutet Scheitern überhaupt? Kann man in unserem Land überhaupt scheitern? Ich glaube eher, dass man nur lernen kann. Und solange man in schwierigen Phasen den Kopf nicht in den Sand steckt, findet man auch immer einen Weg raus. Es gibt immer Menschen, die einen dabei unterstützen. Man muss sie nur fragen.


Wenn Du dir also das nächste Mal wieder etwas vornimmst und dich vor Selbstenttäuschung schützen möchtest, suche dir Verbündete. Worke out loud. Teile deine Vorhaben, deine Fortschritte, deine Schwierigkeiten bei der Bewältigung, deine Ups, deine Downs. Setze dir realistische Ziele, verfolge deinen Fortschritt (zum Beispiel indem Du jeden Abend vor dem Schlafengehen aufschreibst, was Du heute in Bezug auf dein Ziel getan hast) und feiere deine Erfolge. Jeder noch so kleine Schritt in Richtung deines Ziels ist wichtig und bringt dich näher dorthin.

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Merle Richelsen

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