Blog #8 – oder auch wenn einen die eigene Ohnmacht übermannt (oder überfraut).

Im Leben gibt es immer mal wieder solche Momente, in denen man vollkommen überfordert ist - mit allem. Man möchte sich am liebsten unter der Decke verkriechen und wünscht sich, dass alles ganz schnell vorbei geht. Doch so einfach ist es oftmals nicht. Denn die düsteren Gedanken, das Gefühl von Traurigkeit oder Einsamkeit geht nicht so ohne weiteres vorbei. Insbesondere während des zweiten Lockdowns der Corona-Pandemie sind viele Menschen am Ende ihrer emotionalen Kräfte angelangt und tun sich schwer, positiv durch den Tag zu gehen.

Rückblickend ließ sich der erste Lockdown noch ganz gut aushalten, denn alles war neu und wir wussten noch nicht so richtig, worauf wir uns da einlassen müssen. Mit den Lockerungen im Sommer kam etwas Entspannung auf. Und dennoch mussten wir uns enorm einschränken, reisen und Urlaub waren eher mit Angst vor möglichen Ansteckungen und Quarantäne verbunden als mit Entspannung und Entschleunigung. Und nun ist er da. Der zweite Lockdown (light) und das in der gerade erst beginnenden dunklen Jahreszeit.


Bereits ohne eine Krisenzeit wie diese leiden laut dem Statistikportal Statista 31% der Frauen und 16% der Männer an einer Winterdepression (2015). Dies ist eine meist kürzere Episode mit gedrückter Stimmung, die sich von ganz allein gibt, wenn im Frühjahr die Sonne wieder rauskommt. Doch dieser Winter ist anders. Zu den üblichen Herausforderungen kommt nun die Pandemie und die damit verbundene Einsamkeit vieler Menschen, die entweder zur Risikogruppe gehören, allein leben oder sich im Krankenhaus oder einer Pflegeeinrichtung sind.


Ein Beispiel ist meine Oma. Sie wird im Januar 85 Jahre alt und hatte große Pläne geschmiedet, diesen auch gebührend zu feiern. Sie war noch immer sehr fit, doch vor einigen Wochen erlitt sie einen Schlaganfall und ist seitdem im Krankenhaus. In der ersten Woche durfte sie noch von einer einzigen Person besucht werden, dies wurde mit Beginn des Lockdowns aber eingestellt. Seitdem ist meine Oma allein. Ganz allein. In einer Umgebung, die sie nicht kennt. Sie wird ständig verlegt und die Pfleger und Pflegerinnen wechseln gefühlt täglich. Meine Oma ist verwirrt, denn in ihrem Leben ist sie noch nie im Krankenhaus gewesen. Sie in dem Zustand der absoluten Orientierungslosigkeit allein zu wissen, bricht mir das Herz. Sie kann sich an vieles aus den vergangenen Jahren nicht erinnern, spricht sehr schlecht, verweigert das Essen und benimmt sich zeitweise wie ein trotziges Kind. Als Familie ist man unendlich hilflos, denn außer regelmäßig bei dem bereits überlasteten Pflegepersonal anzurufen oder ihr einen Brief zu schicken, kann man nichts machen. Gerade verfluche ich die Pandemie, denn könnte wenigstens einer unserer Familie regelmäßig zu ihr, wüssten wir um ihren Zustand und könnten ihr helfen, das ganze besser zu verstehen. So aber bleiben wir machtlos und sie allein.


Ohnmacht. So hilflos wie meine Familie und ich gerade sind und so einsam wie sich meine Oma fühlt, so geht es gerade vielen Menschen. Ohnmacht ist ein sehr unangenehmes Gefühl für uns. Wir lieben es, alles unter Kontrolle zu haben, Dinge beeinflussen zu können und so zu handeln, dass es uns zuträglich ist. Doch jetzt sind wir aufgerufen, zu Hause zu bleiben und möglichst nur Kontakt mit einem anderen Haushalt zu haben. Und das in der eigentlich so besinnlichen Adventszeit, die ins Haus steht. Dass das nicht immer mit Freude, Erfüllung und Zufriedenheit verbunden ist, ist wohl klar. Und doch sollen wir besondere Helden sein und in diesem Winter an einer ganz bestimmten Front kämpfen – nämlich zu Hause auf unserer Couch sitzend.


Wir haben das unfassbare Glück, in einem Land zu leben, dass – entgegen der Meinung vieler Demonstranten der letzten Wochen – von Demokratie, Sicherheit und Freiheit geprägt ist. Mit den aktuellen Einschränkungen mag sich das anders anfühlen und auch den Gedanken aufwerfen, ob sich unsere soziale Identität nachhaltig verändert wird; finden Politiker gefallen an der neuen Macht und setzen auch zukünftig härtere Regeln ein? Oder werden uns all unsere Freiheiten nach der Pandemie anstandslos zurückgegeben?


Unabhängig von den physischen Risiken mache ich mir enorme Sorgen um die langfristigen psychologischen und psychosomatischen Folgen der Freiheitseinschränkung. Die derzeitigen politischen Entscheidungsträger sind auf ihre Persönlichkeit bezogen besondere Menschen, denn zur Ausübung ihrer Machtposition, die mit einem politischen Amt zwangsläufig einhergeht, ist ihr stärkstes Bedürfnis das Wirken als Politiker. Aufgrund der Natur dieser Position sind Pflegen von privaten sozialen Kontakten, Konzertbesuche und Sportaktivitäten im Verein meist zweitrangig und auch die psychische Belastbarkeit dieser Menschen ist meist überdurchschnittlich hoch. Diese Menschen sollen nun darüber entscheiden, wie wir uns als Volk zu verhalten haben und was gut für uns ist. Auf die kurzfristig messbaren Infektionszahlen bezogen kann ich die Haltung und die Maßnahmen verstehen. Nicht aber bezogen auf die psychische Konstitution jedes Einzelnen.


Ich selbst lebe allein und mag es sehr. Doch wenn es mir verboten ist, Menschen um mich zu scharen, wenn ich das Bedürfnis danach habe, nagt das sehr an mir. Und dass, obwohl ich mittlerweile viele Methoden, Tricks und einen guten Umgang mit mir gefunden habe, mit Ups und Downs des täglichen Wahnsinns umzugehen. Wie geht es stattdessen denjenigen, die sich gerade schwertun, den Zustand auszuhalten, sich nicht zu helfen wissen und sich hilflos und für ihren Gemütszustand auch noch verantwortlich fühlen? Diese Frage beschäftigt mich dieser Tage sehr und lässt mich darüber nachdenken, wer wir nach der Pandemie sein werden.


Warum Hilflosigkeit kein Schicksal ist. Die Psychologie verwendet zur Erklärung von destruktiven Verhaltensmustern, die zu psychischen Krankheiten wie Burn-out oder Depressionen führen können, gerne das Konstrukt der Erlernten Hilflosigkeit. Geprägt wurde der Begriff von dem amerikanischen Psychologen Martin Seligman, der als Mitgestalter des Felds der Positiven Psychologie gilt. Erlernte Hilflosigkeit meint die Überzeugung einer Person, für den aktuellen eigenen (negativen) Lebenszustand verantwortlich zu sein. Sie sehen sich unfähig, eine Veränderung herbeizuführen. Dabei ist das Gefühl, die Kontrolle über Leben, Verhalten, Gedanken und Gefühle verloren zu haben, dominant und oftmals gibt es augenscheinlich keinen Ausweg.


Das Gute daran ist, dass sich dieser Zustand „nur“ im Kopf dieses Menschen befindet. Mittlerweile gibt es sehr gute Ansätze, die erlernte Hilflosigkeit zu überwinden, die Verantwortung für sein Leben zu übernehmen und zu lernen, dass das eigene Leben maßgeblich selbst gestaltbar ist. Beim Widererlagen der Kontrolle sind vor allem Aspekte der Resilienz von hier Wichtigkeit. Resilienz meint den psychischen Zustand der Widerstandsfähigkeit, der es einem erlaubt, auch schwere Rückschläge zu verkraften und diese als Lernsituation zu verstehen. Denn es ist utopisch zu glauben, dass das Leben immer positiv verläuft und glücklichen Menschen nichts Schlechtes passiert. Der Unterschied ist, dass glückliche Menschen aus der negativen Erfahrung einen positiven Wachstumsschub generieren. Zentrale Aspekte der Resilienz sind positive Emotionen, Hoffnung und Optimismus, aber auch Soziale Unterstützung, Selbstwertgefühl und Coping, also der Umgang mit herausfordernden Situationen.


Das mache ich jetzt anders. Oftmals sind es die einfachen Dinge, die dann genau richtig sind und einem Menschen helfen, die Hilflosigkeit und die Ohnmacht zu überwinden. Ich biete meine Unterstützung und vor allem ein offenes Ohr an. Für jeden, der reden mag und sich seinen Gedanken und der Gefühlswelt Luft machen möchte. Sei es meine Familie, Freunde, Bekannte oder Fremde. Ich bin überzeugt, dass jeder jemanden zum Reden braucht. Manchmal ist es einfacher, mit einer fremden, unvoreingenommenen Person zu sprechen, als mit einem nahestehenden Menschen. Von mir selbst weiß ich, wie gut es mir tut, wenn ich einfach mal ganz offen über meine Gedanken und Empfindungen sprechen kann. Meist löst sich das Problem danach in Luft auf. Wenn es dir also mal nicht so gut geht, trau dich und sprich jemanden an. Such dir Hilfe, rede über deinen aktuellen Zustand und gib dir die Chance, dich wieder besser zu fühlen und die Kontrolle über dein Leben zurückzubekommen. Neben Freunden und Bekannten kannst Du dich auch an anonyme Stellen wie den lokalen Krisendienst, deinen Hausarzt, psychologische Berater oder spezialisierte Coaches wenden. Sei dir selbst wichtig und frag um Hilfe, wenn Du es nicht allein schaffst. Man muss nicht immer stark sein. Es zeugt mehr von Stärke, sich die eigene Ohnmacht einzugestehen als in dem Zustand zu verharren.


Pass auf dich auf.

Deine Merle

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